AFMB - Agentur für Meinungsbildung
AFMB - Agentur für Meinungsbildung
AFMB - Agentur für Meinungsbildung

Kritik in der Tonkunst zur CD "Accademia dell'Arcadia"

 

Rom war schon um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ein Schmelztiegel von Weltanschauungen und Künsten aller Art und Ausgangs-

punkt für zahlreiche Strömungen. Hier etablierte sich auch eine literarisch-künstlerische Gesellschaft, deren Sehnsucht sich auf das alte Griechenland und die dorthin projizierte mystische Landschaft Arkadien richtete: die Accademia dell’Arcadia, deren geistiger Kopf die zum Zeitpunkt der Gründung allerdings schon verstorbene Königin Christina von Schweden war. Sie liebte Musik und versammelte zahlreiche Musiker an ihrem Hof um sich.

 

Aus dem engeren und weiteren Einflussbereich dieser Accademia stammen die Komponisten, deren Opus die Blockflötistin Sabrina Frey erforscht hat, und woraus sie acht Sonaten und Concerti für die Einspielung einer CD auswählte. Diese stellt unter dem Motto »Accademia dell’Arcadia – Roma 1710« Blockflötenmusik vom Beginn des 18. Jahrhunderts vor, die möglicherweise im Zusammenhang der Accademia entstanden und aufgeführt worden ist.

 

Alessandro Scarlatti, Arcangelo Corelli und Benedetto Marcello zählen zu den bekannteren Komponisten, auch für Blockflötenmusik. Giovanni Battista Bononcini ist eher als Opernkomponist an die Öffentlichkeit getreten; sein Concerto per Flauto concertato, Cello solo, Violino e Basso Continuo wird auf dieser CD erstmals eingespielt. Das gilt auch für Giuseppe Valentinis Sonata da Camera III a Flauto solo, e Basso. Beide Werke stehen im Zentrum der CD.

 

Die Quellenforschungen Sabrina Freys in verschiedenen Archiven und Bibliotheken brachten auch Werke von Ignazio Sieber (1680–1757) ans Tageslicht, der als Komponist unbedingt Aufmerksamkeit verdient. Siebers Leben liegt weitgehend im Dunkel, doch weiß man, dass er wie Vivaldi in Venedig am Ospedale della Pietà und später in Rom als Oboist tätig und mehrfach Gast der Accademia dell’Arcadia war. Die CD präsentiert gleich zwei Sonaten aus seiner Feder. Zwei Concerti Alessandro Scarlattis für Flöte, zwei Violinen und Basso Continuo bilden den Rahmen für diesen Tonträger. Alle Werke eint die ideelle Nähe zur Accademia mit ihren kulturell- philosophischen Zielsetzungen, aber auch hohe Qualität der musikalischen Faktur – wie gemacht für Sabrina Frey und ihr Ensemble.

 

Die Schweizerin Frey hat einen vollen Ton und zeigt in ihrem Spiel eine erstaunliche Virtuosität. Auch schnellste Passagen hindern sie nicht, den Notentext detailreich zu gestalten. Sie setzt verschiedene Artikulationsarten je nach Charakter des Satzes oder Werks ein. Die Möglichkeiten der Diminution und Auszierung des Notentextes nutzt Frey mit einem feinsinnigen Gespür gleichermaßen für Affekte und Effekte. Mit ihren Flöten führt sie mitten ins pralle Leben oder in die Stille. Jeder ihrer sieben Blockflöten, die zum Einsatz kommen, entlockt sie ihren spezifischen Klang. Dieser ist zum Teil auch durch die Mensur bestimmt. Ihre Tenorflöte in d1 und die Altflöte in g1 sind wunder- bar klangreich. Unter Umständen kommen in einem Werk auch mehrere Flöten zum Einsatz, was zu noch faszinierenderen Kontrasten führt.

 

Begleitet wird Sabrina Frey von einem Ensemble hervorragender Musiker: Fiorenza de Donatis und Andrea Rognoni spielen die beiden Violinen geschmackvoll und mit Gespür für das Zusammenspiel mit der Blockflöte, Marco Frezzato verleiht seinem Cello einen eleganten Klang, und Philippe Grisvard (Orgel und Cembalo), Naoki Kitaya (Orgel) und Bret Simner (Kontrabass) zeigen sich als versierte Continuo-Spieler, die ihre Partien nicht aufdringlich, aber doch facettenreich gestalten. Vincent Flückinger schließlich entlockt seinen Instrumenten, der Theorbe und der Barockgitarre, mit großer Variabilität glanzvolle Klangfarben. Das Zusammenspiel des Ensembles, das seine Instrumente in der Stimmtonhöhe von 416 Hz spielt, ist überaus genau und stilsicher. Mit Verve stürzen sich die Musiker in die Musik und entfalten deren emphatische Wirkung. Die jeweils unterschiedliche Besetzung des Continuos, eingerichtet von Sabrina Frey, kommt den Werken sehr entge- gen, was sich zum Beispiel in Benedetto Marcellos Ciaccona, die seiner Sonate Nr. XII angehängt ist, durch den Verzicht auf Orgel oder Cembalo zeigt, mit denen die suggestive Wirkung des Ostinato- Basses nicht so dynamisch darstellbar wäre. Auch dadurch entstehen Kurzweil und neue Klangzusammenstellungen. Die Flöte ist zwar stets Protagonistin des musikalischen Geschehens, bleibt aber angewiesen auf die in mehrfacher Hinsicht konzertierenden Instrumente des Ensembles. Schade nur, dass diese aufnahmetechnisch offenbar nicht immer gleich behandelt wurden, sondern bisweilen zu sehr im Hintergrund stehen.

 

Das Booklet dieser CD ist in allen Belangen zu loben. Die vierundzwanzig Seiten werden außerordentlich effektiv genutzt, ohne dass das Layout nur funktional wirkt. Im Inhaltsverzeichnis der CD werden nicht nur die Komponisten mit ihren Lebensdaten und die Werke mit ihren einzelnen Satzbezeichnungen und der Spieldauer genannt, sondern auch die Entstehungszeit der Werke sowie die Ausführenden mit ihren Instrumenten. Die Doppelseite wirkt aber trotz der Vielzahl an Informationen keineswegs überfrachtet. Es folgen das Quellenverzeichnis der Werke sowie Hinweise zu den Instrumenten und der Stimmung. Das thematische Konzept wird in fünf Abschnitten vorgestellt, im Anschluss daran die Komponisten und die Ausführenden. Die thematisch einführenden Erläuterungen sowie die biographischen Hinweise auf Komponisten und Ausführende folgen in englischer Übersetzung, zuletzt jeweils zwei Seiten mit zusammenfassenden Informationen in Französisch und Japanisch, außerdem das Impressum. Die in lichtem Grau gehaltenen und – als einzigem Schmuck – mit großen weißen Seitenzahlen versehenen Seiten, auf denen außerdem durch Sprachkürzel noch die Differenzierung zwischen den vier Sprachen kenntlich gemacht wird, wirken trotz des weitgehenden Fehlens von Fotos (abgesehen von Vorder- und Rückseite des Booklets und einem weiteren Foto von Sabrina Frey) nicht langweilig. Raum für ästhetische Bilder von Instrumenten und Noten bietet die Verpackung der CD, ein sechsseitiges Digipack aus Karton. 

 

Die CD ist in jeder Hinsicht als ästhetisch gelungen zu bezeichnen: in erster Linie natürlich musikalisch durch die künstlerisch hochwertige Ausführung von Werken für Blockflöte und Ensemble vom Beginn des 18. Jahrhunderts, dann aber auch durch die thematische Fokussierung auf die Accademia dell’Arcadia, das Konzept und dessen musikalische Realisierung und darüber hinaus auch durch die ebenso vorteilhafte wie umfassende Kommentierung im Booklet. 

 

© DIE TONKUNST, Januar 2016, Nr. 1, Jg. 10 (2016), ISSN: 1863-3536 

Tags:

Please reload

Featured Posts

G.Ph.Telemann: Sonate in f-Moll für Blockflöte und B.c. 2.) Allegro

16 Sep 2014

1/4
Please reload

Recent Posts
Please reload

Archive
Search By Tags
Please reload

Please reload

Follow Us