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Unverzichtbarer Baustein einer Graupner-Renaissance - Kritik auf Klassik.com

 Graupner, Christoph - Werke für Blockflöte

 

Diese hinreißende Einspielung der Blockflötistin Sabrina Frey ist zwar schon 2009 im Umfeld des 250. Todestages des Komponisten erschienen - aktuell wieder gehört, offenbart sie eine hervorragende Alternative zu Siegbert Rampes Graupner-Zyklus.

 

Sabrina Freys Programm reicht vom einzigen Concerto Graupners für das Soloinstrument Blockflöte (F-Dur GWV 323) über vier unterschiedlich besetzte Sonaten (darunter die Ersteinspielung der 'Sonata canonica' GWV 216 für zwei Blockflöten, Viola da gamba und Basso continuo, die anderen drei sind adaptierte Werke für die Traversflöte) bis zur ebenfalls die Altblockflöte als Soloinstrument präsentierenden Ouvertüre F-Dur GWV 447. Die Einspielung – 2008 in der Kirche Neumünster (Zürich) – ging damit jener dritten Folge von Orchesterwerken und Kammermusik von Siegbert Rampes Ensemble „Nova Stravaganza“ voraus (die im Jubiläumsjahr 2010 dessen 2002 begonnene Reihe abschloss), die ebenfalls die  Ouvertüre GWV 447 und die Flötensonate GWV 707 enthält.

 

Rampes Einspielungen stehen eher für eine rheinisch-niederländische Tradition der historisch orientierten Aufführungspraxis, die einen farbenreich aufgespaltenen Ensembleklang und ansatzweise auch ‚inégale‘, affektorientiert variable Manieren der Phrasierung bevorzugt. Sabrina Frey und ihr – gemeinsam mit Vital Julian Frey gegründetes – Ensemble Ars Musica Zürich knüpfen vielmehr an jene italienische Schule an, die neben Il Giardino armonico weitere italienische Formationen wie die Accademia Bizzantina oder Europa Galante geprägt haben und die offenbar – auch über das auf den Alte-Musik-Pionier Erwin Loehrer in Lugano zurückgehende Ensemble I Barrochisti – weit in die Schweiz hineinstrahlt. Entsprechend sind nahezu alle schnelleren Sätze auf einen konstanten, auf den Taktschwerpunkten leicht federnden Grundrhythmus aufgebaut. Die Musiker rücken – natürlich auch in den etwas rhapsodischer kontrastreich dargestellten langsameren Stücken – die Klangfarbe und Individualität jedes einzelnen Instruments in flüssiger instrumentaler Wechselrede angemessen ins Licht, unterstützt von einer hervorragenden, auf Präsenz, Tiefe und Durchsichtigkeit zielenden Abmischung der Aufnahmen.

 

Rasch und farbig, federnd und atmend

 

Virtuosität ist nicht nur für die Chef-Solistin kein Fremd- oder gar Schandwort; auch der u.a. von Robert Hill und Christine Schornsheim ausgebildete Cembalist Vital Julian Frey, quasi zweiter Hauptprotagonist der Aufnahme, findet einen überzeugenden Weg zwischen artikulatorischer Deutlichkeit, überzeugender Identifikation dramatischen Affekts und beeindruckender Fingerfertigkeit. Man nimmt diesen Musikern einfach ein intuitives und zugleich konzeptuell tragendes Verständnis der Kunst Graupners ab, der ja sowohl als Opernkomponist (u.a. Hamburg) wie als jahrzehntelanger Darmstädter Hofkapellmeister (1709-1760) nahezu alle international verfügbaren vokalen und instrumentalen Stile und Techniken beherrschte und – ungeachtet unserer ewigen Bach- und Händel-Heroiserung – in seinen mittlerweile wiederentdeckten Werken nicht selten fast genauso beeindruckende und bewegende Synthesen kontrapunktischer wie dramatisch-affektiv ausgerichteter Gestaltungsformen präsentierte. Man höre nur eingangs das schwungvoll der venezianischen Mode folgende Blockflöten-Concerto, das sich mühelos mit den Produktionen Vivaldis und Telemanns messen kann, und die folgende, ebenso geradezu als ‚Doppelkonzert‘ mit Flöte und Violine (Fiorenza di Donatis) angelegte dreisätzige h-Moll-Sonate, in der das Cembalo und Marco Frezzato am Cello voll und ganz den orchestralen Part zu übernehmen vermögen.

 

Graupners Vielfalt der verfügbaren Gattungs-Varianten adäquat erfasst

 

Die Programmwahl berücksichtigt aber auch Graupners Adaptionen französischer Vorbilder: Die 'Sonata canonica' mit Maurice Steger (Blockflöte 2) und Rodney Prada (Viola da gamba) als Gästen perspektiviert die affektvolle Deklamationspraxis der Marais-Schule, die Ouvertüre GWV 447 eine abstrahierte Tanz-Ausrichtung, die durchaus an Johann Sebastian Bachs berühmte Suite h-Moll BWV 1067 mit konzertierender Traversflöte denken lässt und durch die vergleichbareOriginaltät thematischer Einfälle und farbiger ‚Durchführung‘ beeindruckt. Gegenüber Rampes Darbietung mit in den Streichern chorischer Besetzung wirkt die Solobesetzung der Stimmen weniger orchestral (auch im Sinne von ‚höfisch-repäsentativ‘); im Wechselspiel der einzelnen Musiker erscheint die Zeichnung aber auch konturierter, pointierter in den entwickelnden Dialogen (wunderbar vor allem die sechsminütige 'Air'). Nach vergleichendem Hören ziehe ich die durchsichtige, musikantische Kammerversion der Freys dem Zugang Rampes deutlich vor – aber das bleibt Geschmackssache, und es ist einfach schön, gleich zwei stimmige Varianten zu haben. Das gilt auch im Falle der zwischen Sonata da chiesa und galanter Kammersonate mit Schlussmenuett changierenden Flötensonate GWV 707, die ganz unterschiedliche Charakterzeichnung ihrer fünf markanten Sätze erlaubt – hier erblüht eine fast überbordende virtuose Spielfreude der Musiker um Sabrina Frey. Am modernsten schließlich mutet die kleine Sonate GWV 708 für Flöte und obligates Cembalo an (fälschlich im Booklet: ‚obligato harpsichord and b.c.‘), das sich ganz raffiniert und komisch von barocker Stimmführung zu opernhaft-empfindsamer Konversation der beiden Instrumentalisten und fantasievoller Variantensuche im Sinne eines durchaus schon stürmischen und drängenden Dialogs entwickelt.

 

Viel zu entdecken

 

Es ist bedauerlich, dass dieser herausragenden Produktion keine weiteren mit diesem Ensemble bei Berlin Classics folgten; erst jüngst (2015) ist Sabrina Freys dritte CD mit Barockmusik – ‚Accademia dell’Arcadia, Roma 1710‘ beim Label TYXart erschienen. Ihrem alten, inzwischen episodischen Label mag man vorwerfen, dass das graphisch sehr ansprechende Booklet leider Texte von teilweise nur geringem Informationswert enthält – zu den Werken zwar einige schöne, gut verständliche Hinweise zur divergenten Machart, aber fast nichts zur Entstehung oder zur Herkunft der Quellen (die Ouvertüre ist etwa Ende der 1960er Jahre in einer zweifelhften Ausgabe in Kassel bei Nagels publiziert worden); zu den Biographien: Ist der Cembalist nun Bruder, Ehemann oder nur Namensvetter (auch kein Hinweis im Internet gefunden, es dürfte aber wohl nicht jeden interessieren). Wie schon gesagt, beeindruckt aber die Klangqualität. Im Zuge der kompositorisch-artistischen Entdeckungen des Repertoires dieser CD kann man nur noch einmal den Wunsch formulieren, dass sich solche Initiativen nachhaltig auf eine weitere wissenschaftliche und künstlerische Aufarbeitung der Musik Graupners auswirken mögen.

 

Link zur Kritik auf Klassik.com

 

 

 

 

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